Wissen · Wildtiermonitoring
Er speichert, wie gut das Tier aufgewachsen ist — und damit, wie es um Ihren Lebensraum bestellt ist.
Ein Knochen macht sichtbar, was im Revier sonst verborgen bleibt: die Qualität des Lebensraums und der Mutter. Vermessen werden Jährlinge und Schmalgeißen — objektives Monitoring statt Bauchgefühl, und ein Messschieber genügt.
Körpergröße entscheidet beim Reh über Überleben und Reproduktion. Der Unterkiefer hält fest, unter welchen Bedingungen ein Tier herangewachsen ist — dauerhaft und nachprüfbar.
Wie groß ein Reh wird, hängt direkt mit seinen Überlebens- und Fortpflanzungschancen zusammen. Die Kieferlänge ist ein verlässliches, leicht zu erhebendes Maß für diese Körpergröße.
Der Unterkiefer verknöchert sehr früh und verändert sich danach nicht mehr. Er bleibt ein retrospektiver Index — ein festgeschriebenes Protokoll der Aufwuchsbedingungen, das sich auch Jahre später noch auslesen lässt.
Als Income Breeder legt das Reh kaum Fettreserven an; es lebt aus der aktuellen Äsung. Stärker als beim Rotwild schlägt sich die Habitatqualität deshalb unmittelbar und empfindlich in der Entwicklung nieder.
Praktisch vermessbar ist nur eine Altersklasse — Jährlinge und Schmalgeißen. Sie werden ab Mai erlegt, und ihr Alter lässt sich über den Zahnwechsel zuverlässig bestimmen. Mit gut einem Jahr ist der Kiefer nahezu fertig und hält die prägende Frühphase fest.
Bereits mit 8–10 Monaten haben Rehe rund 90 % ihrer endgültigen Kieferlänge erreicht. Wer Jährlinge und Schmalgeißen vermisst, liest also die prägende Frühphase eines Jahrgangs — nicht das fertige Erwachsenenmaß.
Die Gesamtlänge besteht aus zwei Abschnitten. Beide erreichen am Ende rund 95 % ihrer Länge — aber zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten:
bis zu 95 % fertig
Wächst extrem schnell und ist schon mit zwei bis vier Monaten zu 95 % fertig. Er bildet die Trächtigkeit im Mutterleib und die ersten Lebenswochen ab — und damit indirekt die Kondition der Geiß, sogar mit einem Lag-Effekt aus dem Vorjahr.
bis zu 95 % fertig
Wächst langsamer und erreicht seine 95 % erst mit 14 bis 16 Monaten. Er bildet die postnatalen Bedingungen ab — wie gut das Jungtier nach der Geburt durch sein erstes Jahr gekommen ist.
Am Kiefer eines Jährlings oder einer Schmalgeiß misst man indirekt zweierlei zugleich: die Fitness der Mutter und die Qualität des Reviers — über zwei Jahre hinweg.
Ein Messschieber genügt. Ein klassischer analoger tut es genauso wie ein digitaler; eine Ablesegenauigkeit auf den halben Millimeter reicht für die Praxis. Wichtiger als die letzte Nachkommastelle ist, immer gleich zu messen — gleiche Messpunkte, eingespielte Routine. Trends erkennt man nur bei konsistenter Methodik.
Erst der heile Kiefer, dann das Maß. Wird der Unterkiefer unvorsichtig auseinandergebrochen, splittert leicht der vorderste Teil mit den Schneidezähnen ab — dann fehlt der rechte Endpunkt von Strecke (a) und der Kiefer ist unmessbar. Am besten den Kiefer ganz lassen oder die beiden Kieferäste vorsichtig voneinander trennen.
Nicht verwechseln. Nummerierte Plomben anbringen — sie lassen sich sogar mitkochen — oder die Kiefer immer gleich beschriften.
Vor allem (b), der vordere Abschnitt, ist der aussagekräftigste Wert.
Für jeden vermessenen Jährling und jede Schmalgeiß festhalten — und nach Geburtsjahrgang zusammenfassen:
Erst der Jahrgang zählt. Einzelne Kiefer schwanken — aussagekräftig wird die Methode, wenn alle Werte eines Geburtsjahrgangs zu einem Mittelwert oder Median zusammengefasst und von Jahr zu Jahr verglichen werden.
Mehrere Umweltfaktoren wirken auf die Kieferlänge — manche heben sie, manche drücken sie. Über Jahre gemittelt zeichnen sie ein Bild der Balance zwischen Population und Lebensraum.
| Faktor | Wirkung | Vor allem auf |
|---|---|---|
| Lebensraumqualität · Forstproduktivität (fPAR) & Agrarfläche | + | beide Abschnitte |
| Wildpretgewicht der Rehgeiß | + | v. a. anterior (b) |
| Frühlingsniederschlag | + | anterior (b) |
| Populationsdichte · Nahrungskonkurrenz | − | beide Abschnitte |
| Stress und Störung | − | beide Abschnitte |
| Hohe Sommertemperatur | − | beide Abschnitte |
| Schlechtes Herbstwetter | − | posterior (c) |
Sinkende Durchschnittswerte über mehrere Jahre sind ein Warnsignal — die Balance zwischen Population und Lebensraum ist gestört.
Immer im selben Gebiet vergleichen. Aussagekräftig ist die Veränderung innerhalb eines Reviers, einer Talschaft oder eines vergleichbaren Wildraums — von Jahrgang zu Jahrgang. Absolute Kieferlängen aus unterschiedlichen Regionen lassen sich nicht sinnvoll gegeneinanderstellen; Geologie, Lebensraum und Genetik verschieben das Niveau. Entscheidend ist der Trend vor Ort, nicht der Vergleich mit dem Nachbarrevier.
Eine Zahl, die sich Jahr für Jahr und Revierteil für Revierteil vergleichen lässt — unabhängig vom Bauchgefühl.
Die Quote anpassen, bevor Kümmerer optisch auffallen — nicht erst danach. Der Kiefer warnt früher als das Auge.
Datenbasiertes Management verkraftet Klimaextreme nachweislich besser, weil es Veränderungen früh erkennt.
Was im Revier verborgen bleibt, steht im Knochen.
De Marinis, A. M., Toso, S. et al. (2019): Drivers of mandible size variation in roe deer. PLOS ONE 14(9): e0222150 — Open Access. · Die hier gezeigten Kieferbilder wurden von capreolus eigens erstellt und freigestellt.